Aufgelesen

Freitag, 8. Februar 2008

Out of time

Da müht man sich mit einen Gedanken ab, den andere viel früher und klarer gedacht haben. Das ist NICHT ermutigend.
Da flattert einem ein Text ins Haus, der das alles auf eine - irgendwie versöhnliche - Art erzählt. Das IST ermutigend.

"
7.)
Wie wir gesehen haben, gibt es zwei Prozesse, die der Mensch zu seinen Lebzeiten nicht anhalten kann: Atmen und Denken. In der Tat können wir unseren Atem für länger anhalten als das Denken (falls dies überhaupt möglich ist). Bei näherer Betrachtung bedeutet diese Unfähigkeit, das Denken zum Stillstand zu bringen, eine Pause vom Denken einzulegen, einen erschreckenden Zwang. Sie erlegt uns eine tyrannsiche, lastende Knechtschaft auf. In jedem Augenblick unseres Lebens, ob im Wachen oder Schlafen, bewohnen wir die Welt mittels des Denkens. Die philosophisch - erkenntnistheoretischen Systeme, die dieses Bewohnen erklären und analysieren wollen, zerfallen seit jeher in zwei Kategorien. Die erste begreift unser Bewußtsein und Gewahrwerden der Welt als Wahnehmung duch ein Fenster hindurch. Dieses Modell, das ein wenig naiv auf einer Analogie zum Sehen beruht, liegt allen Paradigmen der -Realität-, des sinnlichen Empirismus zugrunde. Es erlaubt einen Glauben, wie komplex oder vereinfacht er auch sein mag, an eine objektive Welt, an ein -Da-Draußen-, dessen ideelle und materielle Elemente uns über bewußte oder unbewußte Eingaben vermittelt und die im Anschluß daran intuitiv, intellektuell oder experimentell verortet werden. Die andere Erkenntnistheorie ist jene der Spiegelung. Sie postuliert eine Gesamtheit an Erfahrung, deren einzige nachprüfbare Quelle das Denken selbst ist. Unser Geist, unsere neurophysiologische Verfassung ist es, die das projiziert, was wir für die Formen, die Substanz der -Realität- halten. An sich, so das unwiderlegbare Kantische Axiom, ist -Wirklichkeit-, wie immer sie beschaffen sein mag, unzugänglich. Sie entzieht sich jedem beweisbaren, gesicherten Zugriff. Sie mag auf eine kollektive Halluzination, einen gemeinsamen Traum hinauslaufen. Extreme, verspielte, bedenkliche Versionen dieses Solipsismus suggerieren, daß wir selbst gemacht sind - aus jenem Stoff, aus dem die Träume sind-, geträumt vielleicht von einem Demiurgen oder, wie Descartes spekuliert, von einem Dämon. Alles Denken über die Welt, jegliche Beobachtung, jedes Verstehen wären Reflexion, Kartographieren auf einen Spiegel.

In einem wesentlichen Punkt stimmen diese beiden Systeme überein: Das Glas, sei es das des Fensters oder das des Spiegels, ist niemals unbefleckt. Es sind Kratzer darauf, blinde Flecken, Ausbuchtungen. Weder Druchsicht noch Spiegelung können je vollkommen makellos sein. Es gibt Verunreinigungen und Verzerrungen. Das ist die Crux: Zwischen uns und der Welt gibt es Zwischenglieder. Konzeptualisierungen, Beobachtungen (wie in der -Unschärferelation-) sind Denkakte. Es gibt keine unschuldige Unmittelbarkeeit der Aufnahme, wie spontan oder unbeobachtet sie auch scheinen mag. Erkenntnistheorien, seien sie von Descartes, Kant oder Husserl, mühen sich heroisch, einen unvermittelten, von Vorüberlegungen freien Punkt auszumachen, an dem das Selbst voraussetzungslos mit der Welt zusammenträfe, ohne psychologische, körperliche, kulturelle oder dogmatische Annahmen. Derartige -Phänomenologen- streben danach, entweder mit Hilfe des Fensters oder jener des Spiegels, - die Dinge zu sehen, wie sie sind -, die Wahrheit über die Anwesenheit der Welt, ihr - Dasein - herauszufinden. Doch gibt es, wie Gertrude Stein wußte, kein unerschütterliches, beruhigendes - da-da -. Kein archimedischer Punkt, keine tabula rasa konnte jemals überzeugend ermittelt werden. Die Identität des - denkenden Schilfrohrs -, die trübende Allgegenwart des Denkprozesses, wirkt wie ein Schirm. Da, wo Erfahrung nackt sein könnte, jener Adams ähnlich, ist sie gefiltert, im wesentlichen kompromittiert. Die Vertreibung aus dem Paradies ist ein -Fall ins Denken-. Daher gibt es kein Element der Existenz, das nicht -angekränkelt wäre vom bleichen Schein des Gedankens-.

Folglich operiert selbst der erfinderischste, umfassendste, geordnetste und mit Vorstellungskraft begabteste menschliche Geist auf Umwegen, innerhalb von Grenzen, die er nicht wahhaft definiert, geschweige denn ausmessen kann. Überall stößt der Lichtstrahl der Vernunft auf Dunkelheit.

Nicht, daß das Licht entlegener Galaxien nicht zu uns gelangte! Doch wird es uns niemals erreichen, nie (be)rühren: eine Allegorie unserer Einsamkeit.

Wieviel von unserer stolzen Wissenschaft ist nicht ebensosehr
Science-fiction, ein Modell, dessen einzig beweisbare veritas jene der Mathematik ist, die über ihre eigenen Spiele in Entzücken gerät?
Es hat immer Grund zu Argwohn gegeben gegenüber den scheinbar unwiderlegbaren Axiomen der Logik und der Syntax, in die sie so despotisch eingraviert sind. Diese Axiome, diese sakrosankten Regeln, die den Widerspruch regieren, was tun sie anderes als die lokalen Besonderheiten menschlicher Hirntätigkeit, die Architektur des Kortex, nach außen verlagern? Ganz so, wie man unser Sehvermögen unter dem Gesichtspunkt betrachten kann, dass es Anatomie und Physiologie des menschlichen Auges in Szene setzt.

Jeder von uns hat schon Enttäuschungen erlebt beim Gewahrwerden, ist gegen Verständnisbarrieren gestoßen. Wir rennen, oft blindlings, mit aller Macht gegen unfaßbare und doch nachgiebige Sprachwände an. Der Dichter, der Denker, die Meister der Metapher hinterlassen Kratzer in dieser Wand. Aber Innen- und Außenwelt murmeln Worte, die wir nicht verstehen. -Ungehörte Weisen- sollen die süßesten sein.
Cézanne bekundet seinen Ärger darüber, daß sein Auge die Landschaft vor ihm nicht in all ihrer Tiefe durchdringen könne. Die reine Mathematik kennt das Unlösbare, obgleich sie die Quelle dieser Unlösbarkeit nicht vollends in de Griff bekommt. Noch das inspirierteste Denken ist machtlos gegen den Tod, eine Machtlosigkeit, die unsere metaphysischen und religiösen Szenairen hervorgebracht hat. Das Denken verhüllt mehr, wahrscheinlich viel mehr, als es enthüllt.
Ein siebter Grund, für jenen Schleier der Schwermut. "

Aus: "Warum Denken traurig macht. Zehn (mögliche) Gründe"
von George Steiner

.

Donnerstag, 31. Mai 2007

Zur unerträglichen Leichtigkeit des Rankings: The Global Peace Index

001 Norway
002 New Zealand
003 Denmark
004 Ireland
005 Japan
006 Finland
007 Sweden
008 Canada
009 Portugal
010 Austria
011 Belgium
012 Germany
013 Czech Republic
014 Switzerland
015 Slovenia
016 Chile
017 Slovakia
018 Hungary
019 Bhutan
020 Netherlands
021 Spain
022 Oman
023 Hong Kong
024 Uruguay
025 Australia
026 Romania
027 Poland
028 Estonia
029 Singapore
030 Qatar
031 Costa Rica
032 South Korea
033 Italy
034 France
035 Vietnam
036 Taiwan
037 Malaysia
038 United Arab Emirates
039 Tunisia
040 Ghana
041 Madagascar
042 Botswana
043 Lithuania
044 Greece
045 Panama
046 Kuwait
047 Latvia
048 Morocco
049 United Kingdom
050 Mozambique
051 Cyprus
052 Argentina
053 Zambia
054 Bulgaria
055 Paraguay
056 Gabon
057 Tanzania
058 Libya
059 Cuba
060 China
061 Kazakhstan
061 Bahrain
063 Jordan
064 Namibia
065 Senegal
066 Nicaragua
067 Croatia
068 Malawi
069 Bolivia
070 Peru
071 Equatorial Guinea
072 Moldova
073 Egypt
074 Dominican Republic
075 Bosnia and Hercegovina
076 Cameroon
077 Syria
078 Indonesia
079 Mexico
080 Ukraine
081 Jamaica
082 Macedonia
083 Brazil
084 Serbia
085 Cambodia
086 Bangladesh
087 Ecuador
089 Papua New Guinea
090 El Salvador
091 Saudi Arabia
092 Kenya
093 Turkey
094 Guatemala
095 Trinidad and Tobago
096 Yemen
097 United States of America
098 Iran
099 South Africa
100 Philippines
101 Azerbaijan
102 Venezuela
103 Ethiopia
104 Uganda
105 Thailand
106 Zimbabwe
107 Algeria
108 Myanmar
109 India
110 Uzbekistan
111 Sri Lanka
112 Angola
113 Cote d' Ivoire
114 Lebanon
115 Pakistan
116 Colombia
117 Nigeria
118 Russia
119 Israel
120 Sudan
121 Iraq


Aufgelesen bei
The Economist Intelligence Unit http://www.eiu.com/#

http://www.visionofhumanity.com/rankings/

Donnerstag, 24. Mai 2007

Gestammelte Werke

http://www.spiegel.de/flash/0,5532,14504,00.html

Mittwoch, 23. Mai 2007

Egal, was Max Goldt sagt.

Heute ist das neue gekommen; Wiedersehensfreude, als mir beim Öffnen des Postkastens der Name des Magazins fett und elegant zugleich (Das muss man hinkriegen.) ins Auge springt, diesmal in Frühsommerschattengrün. Sofort erwacht die Gier in mir: Was haben die diesmal unter der Flappe vertsteckt und was schreiben der Günter Brus, der Skocek und die Lackner, und wer ist überhaupt der da auf dem Titel, der kommt mir bekannt vor, aber auf dem Foto schaut er irgendwie anders.., ist das nicht der Christoph Süß, und ausserdem, wie lauten die letzten Fragen?

Aber vorerst das offenbar unvermeidliche Plastik, in das die Zeitschrift eingeschweisst ist, weg. Dann das Bündel gebundenen Papiers durch die Finger laufen lassen und aaaahhhhmmmmmmmm.
Theoretisch könnten die mir auch einen Auszug des Katasteramts schicken, wenn der haptisch an dieses Papier herankommen würde.
Praktisch ist zu vermerken: Ätsch Österreich. Die Wüste lebt!

Max Goldt sagt, Abos sind nur was für zwei Typen von Menschen:
1.) zwänglerische Spießer oder 2.) Leute, die weitab jedes vernünftigen Großstadtbahnhofkiosks wohnen. Typ 3 hat er ganz vergessen. Ich verzeihe ihm.

Z.B.:
http://www.datum.at/0507/stories/3657997

Mittwoch, 10. Januar 2007

Frag-Log

Warum ist alles so weit weg?
Warum dreht sich die Erde einmal pro Tag?
Ist alles gleich weit weg?
Was denkt mein Hund?
Wer bezahlt mein Bier?
Wie heisst dieser Wald?
Wo ist mein Bett?
Ist dieser braune Knollen essbar?
Soll ich ein Loch graben?
Sind Tiere Menschen?
Kann man Dripsdrüh nur zu Fuss erreichen?
Kommt der Gestank von draussen?
Ist mir zu warm?
Fährt noch ein Bus?
Wo sind meine Schlüssel?
Soll ich einen Turm bauen?
Wann kommt das Geld?
Warum ruft er/sie/es nicht an?
Wer regiert die Stadt?
Was geschah vor 4,56 Milliarden Jahren?
Wie lang ist der Nil?
Was macht 42 x 87?
Wem nützt der Mond?
Ist mein Dasein erfüllt mit Heiterkeit?
Soll ich mich betrinken?
Noch ein Gläschen?
Stinke ich?
Darf man beim Musikhören die Augen schliessen und Landschaften ..ähm..farbige Bilder sehen?
Muss ich mir den Kosmos wie Schaum vorstellen?
Geht man beim Einschlafen durch eine Wand?
Soll ich liegen bleiben?
War ich ein gutes Kind?
Bin ich zu weich?
Reicht das?

Freitag, 1. Dezember 2006

Festplatte jetzt löschen?

Wenn das Hirn der Hand den Befehl zum Zupacken signalisiert, las ich irgendwann irgendwo, dauert es eine geraume Zeit, bis dieser Befehl in den Fingern angekommen und von diesen ausgeführt worden ist.

Dieser Zeitraum wird vom Hirn im Nachhinein ohne unser Wissen und Zutun aus unserer Wahrnehmung gelöscht. Die enstehende Suggestion: Null Zeit zwischen Impuls und Umsetzung. Weil man andernfalls verrückt werden würde. Das kann man sich wohl ungefähr so vorstellen, wie eine Rückkopplung beim Telefonieren. Wie wenn man sich selbst etwas zeitversetzt am anderen Ende der Leitung sprechen hört. Innert..nert kürzes. Kürzestem...tem....... bringtringt...bringt.... manan da...da...beieikeineneinenvernünftigenftigen...Satzatz mehr....mehr.... zustzustande..zustandeustande.....weileilman..man.. erstmalabwartenarten..... willill.. bisis...man selbtbst selbstbst..zuzu Ende gesprochenrochen..hat.

Eigentlich
wäre es mir lieber, das niemals gelesen zu haben.

.

Donnerstag, 5. Oktober 2006

Wirklich weit reichende Kompetenzen:

Der Papst schafft mit Ende der Woche die Vorhölle ab.

Montag, 4. September 2006

Briefschaften

Liebe Frau Doktor,
endlich ist es sich ausgegangen, zu schreiben und Ihnen zu antworten.

Ja, Frau Stieglitz, Ihre Tante, meine gestrenge Lehrerin, in Ausseerdirndl, Wetterfleck und mit Haarknoten habe ich sie in Erinnerung. Geistreich. Viel Verstand. Und Witz auch. Es begegnen einem nicht viele Menschen dieser Art. Erst recht nicht in der Schule. Sie sagte einem immer sehr direkt, was man im Leben mit links schaffen können, und wo man sich durchzubeißen haben würde.

Als ich letztes Mal die Mutter daheim besuchte und mit ihr einkaufen ging, liefen wir Ihrer Tante zufällig über den Weg und nach kurzem Zögern nützte ich die Gelegenheit, sie anzusprechen. Es sind bald dreißig Jahre her, seit ich zuletzt mit ihr gesprochen habe. Nun bin ich sehr froh darüber. Sie ist, wie sie war.

Lustig, wie klein dieser Planet scheint, was es für Zufälle gibt. Laut der Theorie irgendwelcher Kommunikationswissenschaftler soll jeder Mensch jeden auf dieser Welt über sechs Ecken „kennen“. Kennen ist gewiss übertrieben. Aber interessant ist das schon. Durschnittlich sechs Ecken zu Bin Laden. Oder zum Papst. Oder zu Ihnen.
Wie sind Sie denn auf dieses Symposium gekommen?

Einfach wirst du es nicht haben, hat sie zu mir gesagt, Ihre Tante, die Frau Stieglitz, weil, Genie bist du keins. Aber du hast ein bißchen Talent. Mehr in der musischen Richtung halt, wie so viele. Buchhalterin würde ich nicht werden wollen, an deiner Stelle. In eine Musikschule würde ich dich schicken oder in sowas künstlerisches. Dabei unterstellt man den musikalischen immer auch mathematisches Können, wegen dem Taktgefühl. Bei dir ist das ein bisserl anders, Genie wirst auch auf dem Cello keines. Man muss tun was man kann, hat sie gemeint. Und sitzt nicht so breitbeinig, hat sie immer geschimpft, wenn die Mädchen im Sommer mit kurzen Röcken ohne Strumpfhosen im Klassenzimmer auf den kleinen Holzstühlen hockten.

Mich betraf das nicht, ich habe immer Hosen getragen. Mein Vater hätte gerne einen Buben gehabt, statt mir, wissen Sie. Der Wunsch nach dem Sohne, ist der Vater vieler Töchter, sagt man doch. Haha! Wie sehr ich ihm eine Zeit lang diesen Wunsch erfüllen wollte. Schließlich hatten sie es doch besser, die Söhne, in meinen Augen. Stärker waren sie, kräftiger und lauter, setzten sich stets durch. Sie starben sogar eindrucksvoller, in den Kriegen oder bei Unfällen. Man schenkte ihnen Pfeil und Bogen und Fahrräder mit Wimpeln, mit Dreigang-Schaltung und gebogenen Lenkstangen, Heuschreckenfühlern gleich. Und junge Hunde. Sie waren selbst wie junge Hunde. Konnten eigens gefertigte Speere weiter werfen als die Töchter und hie und da schossen sie sich dabei sogar ein Auge aus. Das machte sie nur verwegener. Ich wehrte mich nicht gegen das Abschneiden der Zöpfe und übte das Speerwerfen, aber weit bin ich nicht gekommen damit. Eines Tages meinten die beneidenswerten Geschöpfe, ich solle eine Mutprobe machen, als Aufnahmeprüfung. Wenn ich die bestünde, dürfe ich künftig an all ihren Unternehmungen teilhaben und würde als vollwertiger Bub durchgehen. Aus dem Stand auf einen Metalltisch springen sollte ich, unmittelbar vor mir. Ich habe es nicht geschafft. Habe es nicht einmal richtig versucht. Haben Sie das einmal probiert? Aus dem Stand auf einen Tisch oder eine Bank springen? So etwas harmloses, werden Sie denken. Man unterschätzt in der Vorstellung immer die Furcht. Alles was der Mensch im Leben tut oder unterlässt, geschieht aus Angst. Angst vor Schmerz. Ist nicht von mir. Ein grimmiger Philosoph oder Antropologe(?) hat das geschrieben. Ob es wahr ist, weiss ich nicht. Ich hatte jedenfalls Angst vor den blauen Schienbeinen, die ich mir unweigerlich holen würde. Von da an wollte ich Prima-Ballerina werden, oder wahlweise Judoka, aber kein Bub mehr. Ist schon gut, lachen Sie nur über meine Logik. Zu Röcken und Kleidern konnte mich trotzdem keiner überreden, die fand ich schrecklich zugig. Und Sie wissen ja, Frau Doktor, wie kalt es bei uns üblicherweise war. Schön. Aber kalt. Pittoresk sagt man heute zu dieser Art windschiefer Mauern. Die Mutter musste sparen, seit der Vater weg war, und deswegen war es bei uns immer noch um ein paar Grade kälter, als im Rest des Ortes. So bleibt man frisch, sagte die Mutter immer, wenn wir morgens mit Eiszapfen an der Nase erwachten.

Ihre Famile gehörte natürlich zu den besseren Leuten, wenn man das heute noch so sagen darf, Frau Doktor. Zur anderen Seite. Quasi. Gutsbesitzer mit Wald, einer Jagd, Haus und Hof. So haben Sie diesen Marktflecken, den Ort Ihrer Kindheit, gewiss anders erlebt, behütet hoffentlich. Bis der Krieg kam. Sie sprachen von Pfützen, an die sie sich entsinnen, Lacken, an denen sie sorglos spielten. Mit Holz- oder Papierschiffchen? Es waren die Regenpfützen in den Bombentrichtern, sagten Sie. Sie erzählten vom Marsch der Elenden, in Fetzen durch den Ort, und vom Schießbefehl auf jeden, der denen eine gekochte Kartoffel oder eine Rübe oder sonst was Kaubares zustecken wollte, und von den Kindern, die es dennoch taten, weil man auf die Kinder nicht so gerne schoss vor aller Augen, und man muss sich die Eltern vorstellen, die dem Kind die Kartoffel in die Hand drückten und zu dem Kind sagten, geh, gib sie dem da, und die Maschinengewehre drohten. Im Anschlag. Was benötigt es, damit das Erbarmen stärker ist, als die Angst?

Meine Geschwister und ich spielten ab einem bestimmmten Zeitpunkt mit kaum einem mehr. Es wurde untersagt. Wegen dem Schandfleck. Der Schandfleck war, dass diese Frau, die Mutter, tatsächlich glaubte, die Kinder allein und ohne Manneshilfe großziehen zu können. Das konnte, durfte, nichts werden, wir wären kein Umgang, hieß es. Unerhört. Unerhört ist ein schönes Wort, finden Sie nicht? Nicht gehört an höherer Stelle. Aber die Hoffnung darauf trägt es in sich, so wie ungeboren. Ob die Empörung eine andere gewesen wäre, hätte der Vater sich vor einen Zug geworfen oder wäre einfach an Krebs gestorben? Dass er lebte, weiss der Geier wo, das war zuviel. Oder zu wenig für Erbarmen.

Die Nachbarinnen wollten keine in der Nähe haben, die mannstoll ihren Gatten nachstellen würde und die Nachbarn, keine die allzu selbständig für Unterhalt und Auskommen sorgte und so zum schlechten Vorbild für die eigene Gattin werden könnte. Zu sehr würde die Welt aus den Fugen geraten. Natürlich war das keinem bewusst, aber was heisst das schon: Bewusstsein.

Ihr Cousin, der Herr Rübig, wurde später der Lehrherr meiner Schwester. Fleischwarenfachverkäuferin sagt man heute.
Sie wurde übrigens hinausgeschmissen, die Fleischwarenfachverkäuferin, kurz vor der Abschlussprüfung, als sie wegen irgendeiner Erkrankung, eine Entzündung des Nierenbeckens war es, meine ich mich zu erinnern, zwei Tage nicht zur Arbeit konnte. Nun ja, nicht direkt deswegen, das wäre per Gesetz gar nicht möglich gewesen. Sie hätte gelogen und betrogen, habe das mit der Verkühlung nur vorgegeben, behauptete man. In Wahrheit sei sie stinkend faul und wolle sich vor der Arbeit drücken. Die Mutter, voller Angst ihre Kinder könnten missraten, zurechtgestutzt wie sie war, glaubte, was die Vorgesetzten sagten. (Da haben wir sie wieder, die Angst.) Deswegen hat es der Schwester nicht viel geholfen, als sie Blut pisste. Die Abschlussprüfung durfte sie dann aber doch belegen, nachdem die Mutter dreimal zu Herrn Rübig gegangen war. Der Dreifache Canossagang. Klingt beinahe wie doppelter Rittberger oder Vierfachaxel, nicht wahr? Den Lehrabschluss hat meine Schwester gewiss der Nachsicht Ihres Cousins zu danken.

Nach den Bergen fragten Sie mich letztes Mal. Ob ich sie liebe. Was soll ich Ihnen sagen, Frau Doktor? Berge sind Berge. Plattenverwerfungen. Hindernisse, die der Mensch seit jeher zu überwinden trachtet, und erst seit der Zeit der Romantik neigt man dazu, diese monumentalen Steinhaufen schön zu finden. Aber was schwafel ich wie eine Oberlehrerin, von Dingen die Sie bereits wissen. Mir gelingt es nicht, die Berge zu lieben. Oder irgendeine Landschaft. Wiewohl ich die klare Luft schätze, die einen oberhalb der Baumgrenze, wo es wieder licht und hell wird, umgibt, die einen hässlich werden lässt, weil sie scharf und kantig zum Vorschein bringt, was im Bodendunst sonst verdeckt bleibt. Nein, ich liebe sie nicht die Berge. Keine Landschaft.
Das Verb lieben liebe ich nicht. Zu groß das Wort vermutlich. Deswegen wurde es breitgewalzt und erschlagen, Schlagertext um Schlagertext. Woher kommt denn schon das Wort Schlager? Und warum geht es in dem Schlager immer ums „lieben“, der Berge, des Mädchens, der Sterne? Haben Sie sich das einmal überlegt? Aber ich schweife ab. Komme ins plaudern, als hätten wir alle Zeit der Welt und wären zum Spaß hier.

Wir sollten uns wirklich einmal treffen, Frau Doktor.

Mit freundlichen Grüßen
H.H.

Ach ja, falls es Sie interessiert:
http://smallworld.columbia.edu/

Dienstag, 22. August 2006

Ohne Worte

schuessel

(Quelle: Standard)

Montag, 21. August 2006

I dont like mon..

Donnerkarl Du Schrecklicher!
Reich mir meine Platzpatronen, denn mich packt die Raserei!
Keinen Menschen will ich schonen, alles schlag ich jetzt entzwei.
Hunderttausend Köpfe reiß ich heute noch von ihrem Rumpf!
Hei! das wilde Morden preis' ich,
denn das ist der letzte Trumpf!
Welt, verschrumpf!

D U ?

Du bist nicht angemeldet.

F I N D E N

 

P O S T

das glaub ich jetzt nicht;)
das glaub ich jetzt nicht;)
walhalladada - 12. Feb, 19:05
Wenn Sie wieder da sind,...
Wenn Sie wieder da sind, abonniere ich Sie wieder,...
walhalladada - 20. Jan, 17:40
Schweigen ist auch keine...
Schweigen ist auch keine Lösung! Maaah!
Tanzlehrer - 31. Aug, 22:35

B I L D E R W U T

F R E S S P A K E T



Michael Köhlmeier
Idylle mit ertrinkendem Hund


Jonathan Safran Foer
Everything is illuminated

O H R E N S A U S E N


Fredo Viola
The Turn



Adam & the Ants
Prince Charming


Arcade Fire
Funeral


David Martel
I Hardley Knew Me


Kaiser Chiefs
Off With Their Heads


The Ting Tings
We Started Nothing

N A C H S I C H T

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S T A T U S

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Zuletzt aktualisiert: 12. Feb, 19:05

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