Bar freigemacht

Freitag, 1. Juni 2007

Columbo, barfuß

Ein abgerissener Typ mit nackten Füßen betrat den Laden. Dass er barfuß war, sah Wipflinger gleich. Es war sein Job das zu sehen. Ausserdem war es eine Art Gewohnheit, er schaute immer allen gleich auf die Schuhe, ohne dass die das mitbekamen, man könnte sogar Hobby dazu sagen, aber das Wort behagte Wipflinger nicht. Hobby klang, als müsste man damit die Zeit totschlagen, wenig ernsthaft. Auch wenn das Totschlagen der Zeit an sich etwas sehr Ernstes war, eine ernstzunehmende Dummheit nämlich, fand Wipflinger.

Im Lauf der vergangenen zehn, zwanzig Jahre hatte Wipflinger sich eine regelrechte Schuhtypologie zurechtgelegt, die auf genauer Beobachtung beruhte. Aus der Beschaffenheit von Schuhen ließ sich auf deren Träger schließen, soviel stand fest. Wipflinger irrte sich dabei so gut wie nie.
Um sagen zu können, wie es sich umgekehrt verhielt, ob man von Barfüßigen auf deren Schuhprioritäten schließen konnte, dazu fehlten ihm die Erfahrungswerte.

„Neue Kategorie: Bloßfüßige“, notierte sich Wipflinger jetzt in Gedanken,
„Anmerkung: noch nie da gewesen..“
Der Bloßfüßige stand ein wenig ratlos herum, als würde er Anlauf nehmen wollen, aber nicht wissen, vor welchem Hindernis, oder aber nicht den Platz oder die nötige Entschlossenheit dazu finden.

Fragen wie „Kann ich Ihnen helfen?“ oder „Was darfs denn sein?“ sparte sich Wipflinger schon lange, in seinen Augen waren das Anfängerfehler. Was würde es schon s e i n d ü r f e n, Schuhe vielleicht? Seine Kunden waren ja nicht blöd.

„Heute würde ich gerne Schuhe kaufen.“ näselte der Barfüßige. Von denen, die es bisher in meinen Laden geschneit hat, nehm ich Dir das am meisten ab, dachte Wipflinger. „Stiefeletten hätte ich nicht ungern!“ Der Barfüßige bediente sich einer Sprache, wie aus besseren Tagen. Alles kann einem verloren gehen mit der Zeit, Talent, Hoffnung, Ansehen, aber von der Sprache bleibt einem immer ein bißchen was aus den besseren Tagen zurück, solange das Hirn nicht streikt. Penner, die wie Grafen sprechen, mit Absicht oder ohne es zu merken, Wipflinger fielen solche Dinge auf.

Das auf den unterschiedlich hohen Türmen aus Schuhschachteln wie auf einer Miniaturskyline präsentierte Sortiment schien den Barfüßigen indessen kaum zu interessieren, er betrachtete nur abwechselnd seine schwarzen Zehen und Wipflinger. Dann kaufte er das erste Paar, das dieser ihm zum Probieren hingestellt hatte. Nachdem er einige Schritte vor dem die ganze südliche Wand des Ladens einnehmenden Spiegel auf und ab spaziert, vor und zurück gewippt war und sich ein paar mal um sich selbst gedreht hatte, zog er die Stiefeletten - cognacfarben, helle Kontrastnähte, verdeckte Reissverschlüsse, sehr modisch, teuer - und die schwarzen Probiersocken wieder aus, legte das Geld abgezählt auf den Tresen, zwei große Scheine und ein paar Münzen, die er aus seinen Hosentaschen zusammengeklaubte, zog danach den einen Schuh über die linke, den anderen über die rechte Hand und verschwand armeschlenkernd aus dem Laden.Vergnügt und genauo barfuß wie er gekommen war.

„Auf Wiedersehen!“, rief Wipflinger dem Bloßfüßigen durch die sich schließende Tür hinterher. Der hob mit lässiger Geste eine Hand, ohne noch einmal das Gesicht zu wenden und ging davon; wie der Scherenschnitt eines seltsamen Vogels sah er aus, in dem Gegenlicht auf der Strasse.
„Name: Columbo
Anmerkung: Handschuhträger, kommt sicher wieder...“,
notierte Wipflinger im Geist.

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Samstag, 21. Oktober 2006

Knospenmotten

-Die Arbeit der Nacht-
Wenn sie im Finstern erwachte,
Schwärze ringsum und über ihrem Kopf der schwebende rote Punkt, das ewige Licht, mit einem Piktrogrammweibchen in seinem Zentrum, erinnerte sie sich an ihre zweitliebste Vorstellung von damals:

Zurückgelassen, eingeschlossen in ein Warenhaus, über Nacht oder besser noch über zwei Tage und Nächte, das ganze Wochenende lang, schwelgte sie begierig in all den Dingen, von denen sie annahm, sie zu besitzen bedeute pure Glückseligkeit. In der verbesserten Version, "Zurückgeblieben.1.02", wurde das Wochenende zu Monaten und Jahren, bis sie schließlich der letzte Mensch überhaupt war. Zurückgelassen in einer Warenwelt, in einem wahren Schlaraffenland, in dem sie sich in Schokoladeneis wälzte.

Mit Mühe und unter Ächzen streckte sie dann ihren Arm hin zu dem roten Punkt um das weisse Piktogrammweibchen herbeizurufen und Schokoladeneis zu verlangen.

-Fallen-
Jeden Mittwoch kam eine der Töchter vorbei, sie waren so schwer auseinander zu halten. Das machte sie wütend. Danach tat es ihr leid, wenn sie barsch gewesen war. Wenn sie eine Gemeinheit über eine der Töchter gesagt hatte und sich dann herausstellte, dass die ausgerechnet gegen jene gerichtet war, die gerade an ihrem Bett gesessen und ihr vorgelesen hatte. Aber das Gefühl verflüchtigte sich ebenso rasch, wie die Gesichtszüge ihrer Töchter verschwammen, und zurück blieb das verstümmelte Echo eines schlechten Gewissens. Das Gefühl etwas falsch gemacht zu haben und nicht zu wissen was. Weil sie das depressiv werden ließ, verabreichten ihr die hellblauen Pfleger passende Pillen. Aber so einfach war es nicht.

Ein Gedanke beschäftigte sie an diesem Mittwoch nachdem ihre Tochter abgezogen war besonders, ein Textfetzchen aus dem Buch, das die Tochter ihr gerade vorlas. Es haftete in ihrem Hirn wie ein Stück Tixo, das man von einer Hand zur anderen fitzelte und nicht los wurde: Der Grund, so hieß es in dem Text, weshalb manche kleinen Hunde ohne Rücksicht auf Leib und Leben weit größere, kräftigere Artgenossen angriffen, läge in einem Größe-Gen und in Folge an einem Zuchtfehler. Diese kleinen Hunde seien überzeugt, sie wären immer noch groß und mächtig. Genau so ginge es auch dem Lande Österreich.
Sie hatte laut aufgelacht, als sie das hörte.
Nun aber taten ihr die Hunde in ihrem Größenwahn leid.
Deswegen weinte sie.
"Die Arbeit der Nacht" war der Titel des Buches, aber wer ihr daraus vorgelesen hatte, begann ihr bereits zu entgleiten. Nur, dass es die Menschen mochten, wenn sie lachte, wusste sie.
Deswegen lachte sie.


-Der Kreis schließt sich-
Als sie endlich in dem hohen Pflegebett lag, erinnerte sie sich an ihre Lieblingsvorstellung damals, das quietschende Stockbett mutierte darin zur uneinnehmbaren Bastion gegen alle Unbillen der Welt, die da waren: peitschender Sturm und Schneegestöber, Hochwasser, Erdbeben und die Angriffe wahlweise böser Nachbarskinder oder glutäugiger Monster. Sie, im Obergeschoß des Bettes, wie auf einer Burgzinne, eingehüllt in die Decke und bis an die Haarspitzen verborgen, fühlte sich überlegen und sicher, der Ansturm des Bösen verursachte ein angenehmes Kitzeln in der Magengrube, eines, das man gern und wiederholt aus seiner Höhle lockte, wenn man sich in Sicherheit wiegte. Die ältere Schwester musste eine Etage tiefer ausharren, in dem der Gefahr weit eher ausgesetztem Parterre. Sie hatte wegen ihrer Beleibtheit von der Mutter diese Koje zugeteilt bekommen. Die Alten glauben immer, Kinder kriegen Ungerechtigkeiten nicht mit und auch nicht, wie die Liebe aufgeteilt wird.

Wenn sie nicht Schlafen konnten, drehten sich beide zur Wand hin, wo ein schmaler Spalt Raum zum Durchflüstern ließ. Zugedeckt und abgeschirmt zur Aussenwelt säuselte die Schwester aus dem Obergeschoß jener im Untergeschoß dann wirre lange Geschichten zu, die sich erst im Erzählen eigenmächtig entsponnen, sprangen, von einem Satz zum nächsten, sodass die Erzählerin sich selbst vom Fortgang der Ereignisse überraschen lassen konnte. Um Fahrten zum Mond und zu den Sternen oder wilde Fluchten übers Meer mit ihrem schwankenden Schiff ging es, solang, bis die Mutter ihr fünftes "Schlaft jetzt!" durch die geschlossene Tür schickte. Zorniger Wind.

Ihr Haar lag wie Gespinst auf dem hohen Krankenbettkissen, man konnte es nur ausmachen bei genauem Hinsehen, so weiss war das Kissen, weiss wie das Haar und die durchsichtige Haut.

Als die Gestalten in den hellblauen Kitteln verschwommen sich näherten spürte sie wieder das schaurige Kitzeln. Sie wusste gleich, die würden ihr nichts anhaben können. In ihrer Bastion war sie sicher.

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Mittwoch, 20. September 2006

Schokoladeneisnachmittage

Sein Onkel war klein und dick. Es gab verschiedene Arten von klein und dick. Die einen waren wie das Michelin-Männchen oder diese erbarmungswürdige Hunderasse, der man eine um drei Nummern zu große Haut angezüchtet hatte. Die anderen eben wie sein Onkel, kompakt und fest. Zwerge aus einem Märchen. Oben auf dem gedrungenen Körper saß ein ebenfalls zu klein geratener Kopf, kahl, nippelgleich. Und die ständig flitzenden wendigen Äuglein, schrumplig wie Rosinen. Fehlt nur noch die Zipfelmütze und du wärst perfekt, am Liebsten würde ich Dich in einen Stollen schicken, dort kannst du Gold für mich aus dem Dreck kratzen, dachte Bernd, während er die Stricke fester zog. Die Äuglein flitzten. Mehr konnte der dicke Onkel im Moment auch nicht tun. Der stets geschwätzige Mund, verklebt mit Paketband. Die weiche Stimme, fortwährend schmeichelnd, endlich verschluckt.

Bernd wusste um die zeitweilige Atemnot seines Onkels, besonders wenn er sich aufregte bekam er kaum genug Luft, war einfach zu dick. Er überging dessen krampfhaft sich blähenden Nüstern, um die bereits weiße Schatten tanzten, während alles andere an dem Köpflein dunkel anlief. Und die flitzenden Rosinenaugen.

Er war immer freundlich gewesen, der Onkel. Solange Bernd sich erinnern konnte. Besonders freundlich war er zu den Schulgefährtinnen, die Bernd hie und da nach Hause einlud, in Onkels Wohnung, um mit den Mädchen gemeinsam zu lernen. Das Mädchen kam vorbei, und wenn es schließlich wieder ging, war es ihm peinlich über Bernds freundlichen Onkel zu reden.

Bernd war ein guter Schüler. Vor allem in Rechnen und Physik. Die Mädchen interessierten sich nicht für Rechnen und Physik. Wenn schließlich die Zeit gegen Ende des Schuljahres knapp wurde, tanzten sie eine nach der anderen an bei ihm, süß und lächelnd.
Die Mädchen interessierten sich auch nicht für Bernd. Dieser Streber, mit seinem rosinenfarbenen Kraushaar auf dem Kopf, das sich in keine vernünftige Fasson bringen ließ und mit dem Silberblick hinter den dicken Gläsern. Bernd bekam keine zweite Chance. Er war nicht der Typ, dem man eine zweite Chance gab. Es war offenbar wie mit den Büchern: Eines, das man nicht zweimal lesen will, ist es nicht wert, einmal gelesen zu werden. Das machte ihn stinksauer.

Wenn eine von den süßen da saß, neben ihm am Schreibtisch, Ulrike, Michaela, Susi oder wie die alle hießen, eine von denen eben, hübsch und frisch, mit vor Eifer und Konzentration oder vor Anstrengung irgendwas aus dem Lehrstoff verstehen zu wollen rosigen Wangen, warf Bernd ihr verstohlen Seitenblicke zu. Sie bemerkte es immer. Er, ruckzuck puterrot, schaute weg, in ihr Heft oder in seines. Steckte den Kopf zwischen zwei Seiten, Seitenblicke, DIN A4, kleinkariert, mit Korrekturspalte. Gern hätte er seinen Blick korrigiert, den Schielblick zurückgepfiffen in sein schwitzendes, brodelndes Hirn, verdammt.

Nach einer Weile schlich der Onkel ins Zimmer, das machte er immer. Meist mit einer Nascherei oder Softeis für Bernd und das Mädchen und ohne erst anzuklopfen. Der Onkel begann ungeniert das Mädchen auszufragen: Ja, wen haben wir denn da, wie alt bist Du denn, aha, hmhm, und wie heißt Du, wo wohnst Du, aha, hmhm, ist der Stoff langweilig, ja, mein Bernd ist ein Kluger, der wird dir schon zeigen, wo es lang geht, gelt Bernd. Geplänkel. Bernd kannte das. Ärgerlich wurde es, wenn eine der Gören so ein dümmliches Röckchen trug, in mint oder pink, weshalb mussten die Ziegen ihre dürren nackten Beine fortwährend zur Schau stellen. Gern hätte Bernd eine Kleiderordnung für seinen Nachhilfeunterricht erlassen.

Lass dich anschauen Mädchen, schöne lange Muskeln hast du, solltest zu uns in die Garde kommen; schmeichelte sein Onkel dann; dort bin ich Trainer, du wärst genau im richtigen Alter, mit der richtigen Figur, so ab zwölf bis allerhöchstens fünfzehn kann man das machen, danach passt ihr nicht länger in die Kostüme, platzt aus allen Nähten, die werden euch zu eng, du weißt schon; und er lächelte dabei, gütig wie der Papst; vor allem oben rum, schön, da hast du noch ein bißchen Zeit, du bist eine Knospe, bald musst einen BH tragen; und so weiter.
An manchen Tagen wuchs der alte Wicht wahrlich über sich hinaus. Bernd fiel auf, dass die Mädchen bei solchen Gelegenheiten begannen, irgendwo hin zu starren, dort, wo gar nichts war, ins Leere, als wären sie gelangweilt und wüssten schon was kommt. Aber er spürte auch, wie sie sich wanden, sah, dass ihnen das Blut genau so unter die Haut kroch wie ihm, wenn er sich bei einem seiner heimlichen Seitenblicke ertappt fühlte.
Wie er sie dabei beobachtete, als wären sie Fliegen im Netz einer Spinne. Und wie er nicht nur den Onkel verachtete sondern auch sich und die Gören, doch die Situation mochte er. Irgendwie. Wie sie weiter an dem Eis lutschten und verlegen starrten, die Puten. Sie würden danach nicht sagen können, welche Sorte Eis es gewesen ist, alle Sorten schmeckten wie nasse Watte in dem Moment, das wusste er, ihm ging es nicht anders.

Irgendwann, jedes mal, wenn er dem Mädchen genug an die Schultern und Schenkel gefasst, es unter dem Vorwand, herausfinden zu wollen, ob es für seine lächerliche Garde geeignet wäre, gezwickt und begutachtet hatte, verzog sich sein Onkel wieder.

Bernd und das Mädchen lernten weiter, gaben vor, es wäre nichts gewesen, stumm. Wenn er angefressen genug war und um das entstandene unangenehme Schweigen mit einer noch unangenehmeren Frage zu verfestigen, erkundigte er sich, wie ihr das Schokoladeneis geschmeckt habe, oder ob sie Zitrone oder Himbeer lieber möge. Schließlich, nach einer angemessenen Zeit des Abwartens (Lauerns), des erstarrt und vernagelt Seins, ging das Mädchen.
Alle gingen sie. Jede. Wenn sie Glück und ausreichend gelernt hatten, schafften sie es ohne Nachprüfung ins nächste Jahr, wenn nicht, Pech. Jedenfalls kam keine ein zweites Mal zu ihm.

Bernd zog die Schnüre um seinen Onkel fester. Der sah aus, wie ein zum Kochen zugerichteter Schinken, ein Rollschinken. Bernd musste lachen. Ein Rollschinken und obendrauf Rosinen, die in einem prallen blauen Heidelbeermuffin stecken, dachte er. Sein Onkel ließ die Augen flitzen. Mehr konnte er im Moment auch nicht tun.

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Montag, 21. August 2006

Stroh zu Gold

So trocken, dass Staub das Kind an der Hand der Alten einhüllt, ist der Weg im höchsten Stand des Sommers. Ein Flimmern liegt entfernt über dem von Maisfeldern beidseitig begrenzten Strang, und führt sich auf wie Wasser. Wasserlacken. Das Kind sagt: Es hat nicht geregnet letzte Nacht.
Die Alte antwortet: Die Luftspiegelung. Von der Hitze. Frag den Opa.

Wenn die Alte einen Schritt macht und Sand aufwirbelt mit ihren vertretenen Arbeitsschuhen macht das Kind zwei Schritte und wirbelt nichts auf. So leicht läuft es sich an der Seite der Alten. Die Hand der Alten um die Hand des Kindes, die Hand des Kindes wohlig vergraben in der Hand der Alten, die sich anfühlt wie längst abgelebtes sonnenbeschienenes Holz.

Das Stück Weg krümmt sich gleich einer Sandviper.
Der Mais steht mannshoch. Die Häuser des Gehöfts im Rücken der beiden verschwinden mit dem Fortschreiten hinter der Biegung. Aus den Augen aus dem Sinn. Der Bauer im Blaumann kann die beiden verschwimmenden Gestalten drüben auf dem Weg gleich nicht mehr sehen.

Psst, flüstert die Alte, und: Jetzt! Komm!
Eilig zieht sie das Kind zwischen die mächtigen Halme, nur ein paar Schritte hinein in den blondgeschopften Zauberwald. Wie die Raben stehlen sie Kuckeruzkolben. Einer nach dem anderen verschwindet unter dem Schurz der zusehends beleibter werdenden Alten. Dickbäuchig angeschwollen und mädchenhaft kichernd die eine, nahezu platzend vor Glück über diese Komplizin die andere, wandern sie weiter. Die jüngsten Maiskolben von ganz oben am Stängel werden aus ihrer zartgrünen und betressten Hülle geschält und gleich verspeist, noch im Gehen. Den Schüppel übriggebliebener Goldfäden birgt das Kind danach fest in der Faust. Undenkbar den wegzuwerfen. Ein Schatz.

Am Abend, nach dem die Beute zubereitet und verspeist worden sein wird, nachdem der Großvater mit noch buttrig verschmiertem Mund die Luftspiegelungen erklärt haben wird, nach dem Dämmern und Dunkeln und Zubettgehen wird das Kind heimlich im Finstern Zauberzöpfe flechten aus den Fäden.


maiskolben

Dienstag, 27. Juni 2006

Honigbrot bei Frau Felsberger

Heutzutage heissen Kinder Kids und haben eine Peer Group.
Hat mit Bier nichts zu tun. Die Peer Group besteht idealerweise aus ebensolchen Kids wie den eigenen, die in der ähnlichen Liga spielen, wenn’s leicht geht.

Die Peer Group dieses Kindes hieß Frau Felsberger, trug bei Regen wie bei Sonnenschein schwarze Gummistiefel, vorzugsweise in gedeckten Blautönen gehaltene Kittelschürzen, dazu Kopftuch mit darunterliegendem Haarknoten. Klassisch grau war der. Die Alte konnte einem Archetypenkatalog entstiegen sein, aber das wusste das Kind damals noch nicht und es wäre ihm auch gleich gewesen. Kopftuch war zu der Zeit weder verpönt noch verboten, im Gegenteil. Die Frauen trugen es bunt und wild gemustert, als einzige kleine Freiheit, die sie sich an ihrer Alltagstracht gestatteten, und knöpften es ganz im Rumänische-Bäuerinnen-Stil hinten im Nacken.
Dieser Look galt bei den älteren und noch nicht so alten Frauen der Gegend als angemessen und bedeutete, stets den Umständen entsprechend gekleidet zu sein.

Frau Felsberger und das Kind wurden Freundinnen, wie von selbst.
Es war klar, sie spielten in der gleichen Liga, ohne sich darüber lang oder breit austauschen zu müssen. Sie teilten die Interessen und Frau Felsberger vor allem ihr Honigbrot mit dem Kind, jedesmal wenn dieses sie in ihrem kleinen Garten besuchte. Dort saß sie dann auf der verwitterten Holzbank hinter dem bemoosten Holztisch, in ihrem Rücken die übereinandergestapelten Kaninchenställe, in denen ihrerseits die schwarzweissgescheckten Tiere hockten. Eine der gemeinsamen Interessen war, den Kaninchen dabei zuzusehen, wie sie fett wurden. Das Motiv der beiden hierfür dürfte durchaus unterschiedlich gewesen sein. Man machte darüber nicht viel Worte. Das Kind erstaunten die unterschiedlichen Geräusche die entstanden, je nachdem ob Löwenzahnblätter oder frisch gezupfte Möhren verfüttert wurden, nicht genug konnte es bekommen davon, den Bewegungen der Kaninchenschnauzen zu folgen. Frau Felsberger hingegen konnte nicht genug davon bekommen, dem Kind dabei zuzuschauen, wie es sein Honigbrot aufaß.
Mit dem Honig hatte es etwas besonderes auf sich, er war selbstgemacht. Jeder Honig ist das natürlich, in erster Linie von den Bienen. Aber dieser hier war auch eigenhändig geschleudert, von Frau Felsberger.
Und das Brot, auf das Frau Felsberger den Honig schmierte, nicht ohne eine dicke Schicht gelber Butter darunterzulegen, das Brot war himmlisch. Es war die Scheibe Brot, die den Honig ausmachte. Kein Backmischungsmist, wie man ihn in Supermärkten als Kärntnerbrot verhökert, nur dunkler würziger Teig, mit noch dunklerer harter Kruste rundherum. Im Ganzen hatte der Laib gute vierzig Zentimeter Durchmesser.

Das Kind schaute Frau Felsberger zu, wie die gemächlich eine Scheibe davon abschnitt, das gehörte zu ihrem freundschaftlichen Honigbrotritual. Manche alten Frauen können das noch: sie klemmen den halbierten Laib in die Ellenbeuge und schneiden mit dem Messer in einem einzigen wohlgerundeten Zug das ganze Stück ab. Perfekt fingerdick und ohne einen Schnitzer der danebengegangen wäre. Dann bestrich Frau Felsberger das Brot um es zuletzt in zwei gleich große Hälften zu teilen. Alles geschah in honiggleicher Langsamkeit. Um die alte Frau und das Kind spannte sich eine Blase Zeitlosigkeit.
Zwanzig Zentimeter Honigbrot für das Kind. Und es vertilgte stets alles bis zum letzten Krümel, wiewohl es sonst kaum etwas herunterbrachte tagaus und ein, und die Mutter schon verzweifeln wollte ob der dürren Vogelbeine des Balgs. Es aß das Honigbrot von Frau Felsberger so: zuerst wurde der weiche Teig mit der dicken Honigbutterschicht aus der Mitte der Schnitte genagt. Von Innen nach aussen fraß es sich durch, wie ins Schlaraffenland. Dafür benötigte es zwanzig genussvolle ungestörte Minuten. Frau Felsberger und das Kind sprachen nicht, sondern aßen nur und lächelten sich an, hie und da . Danach hatte das Kind nur noch das allerbeste, aufgehoben bis zum Schluss, auf seinem Jausenbrett: Die vom Honig angesüßte harte Brotkruste. Die verspeiste es zuletzt. Frau Felsberger mochte das.
Selber schnitt sie sich die Hälfte ihres Honigbrotes in lauter rechtwinkelige feinsäuberliche Teilchen um die nach und nach in einer gezierten Art zu essen, die gar nicht zu ihrem Aufzug passte. Das mochte das Kind.
So sahen sie sich gegenseitig zu. Und redeten nichts.

Frau Felsberger tat aber noch etwas anderes, mit der ihr eigenen peniblen Pünktlichkeit, bis das Kind beinahe schon erwachsen war und das Weite suchte. Sie schenkte ihm wöchentlich die Jugendbeilage ihrer Tageszeitung, und versüßte dem Kind so nicht nur das Essen sondern auch das Lesen. Die Beilage der Zeitung hieß Dingi und erst viel später erfuhr das Kind, was ein Dingi ist. Frau Felsberger machte nie viel Worte. Und das Kind dachte deswegen für lange Zeit, und das schien ihm durchaus einleuchtend, ein Dingi sei einfach nur ein kleines Ding.
Als das Kind später, als Erwachsene, den Allervordersten eines Liebhabers einmal zärtlich Dingi nannte (und dabei kurz an Honig und Frau Felsberger denken musste) war der fortan sehr stolz auf sein Beiboot.

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Montag, 15. Mai 2006

Kampfhund

Die Angst lässt ihn hecheln, drückt ihm die Kehle zu, sein Atem flattert hellauf und fliegt ihm davon. Diesmal muss das letzte Mal sein,
was tut er hier, denkt er sich, während seine Seiten im scheinwerferhitzigen Luftzug zittern.
Irgendwann muss jeder seinen Meister finden, beim nächsten Mal würde es so weit sein mit ihm. Zu lange schon das Glück herausgefordert. Das Wohlwollen der Zuschauer stets auf tönernen Füßen. Deren Gier beschränkt sich aufs Zerreissen in der Luft, ganz egal wen. X-beliebig. Doch nein, die verwöhnten siegreichen sehen sie lieber bluten. Dabei macht keiner von denen sich die Pratzen schmutzig.

Er entlässt ein verächtliches Knurren in die elektrisch helle Kammer, in der er sitzt. Man zerfetzt nicht, man lässt zerfetzen, sagt er sich bitter, wieder Galle schmeckend, obwohl er diesen Umstand längst schon hingenommen glaubte. Ob es irgendwann ihn trifft ist keine Frage über die er sepkulieren muss. Die Augen der Zuschauer wären lüsterne aufgerissene Kanalrohre, würde es endlich ihn erwischen, den Gottkönig der Gefechte. Er kennt das von denen, die ihm im Rampenlicht unterlagen. Stets hatte er einen Seitenblick für die Zuschauer übrig, auch bei höchster Konzentration auf sein Opfer. Er will nicht, aber kann nicht anders, die Kanalrohre saugen ihn an. Die kalte Faszination in den Augen des Publikums.

Der Kampfhund sitzt da und schwitzt auf seine Art: eisig nach innen.
Würde er anders schwitzen müsste die Frau mit Bürste und Puderquaste kommen, ihn aufmöbeln. Das will er nicht. Sie würde dann in seinem Spiegelbild, das sich ihr entgegenwirft das Zurückschrecken seiner Augen sehen. Zeig niemals eine Schwäche jemanden gegen den Du nicht antreten kannst. Den Du nie wirst niederkämpfen und besiegen können. Gefangen in seinem Gedankenkarussel merkt er nicht, dass die Puderquaste, so nennt er insgeheim diese Frau, sich längst im Raum befindet, übersieht das Wasser das sie ihm hingestellt hat, spürt nicht das scherzhafte Tätscheln am Schädel.

Die Panik kriecht an ihm hoch noch ganz gemächlich und stellt dabei jedes einzelne seiner Haare senkrecht, als wäre sie eine arme Bäuerin und seine Borsten nach einem Unwetter niedergedrückte Kuckeruzhalme. Ha. Dabei weiss der Kampfhund genau um ihre Niederträchtigkeit. Wie sie sich erst langsam anschleicht und lauert, um ihm dann im rechten Moment an die Gurgel zu gehen. Doch darum geht es nicht, jetzt.
Es geht darum ordentlich in Wut zu geraten vor dem Gefecht. Er muss die Angst, das Hecheln und Schwitzen nur genug hassen, dann würde er noch einmal bestehen. Nur einmal noch.
Es gilt den Impuls hinter einen Tisch, unter eine Decke zu kriechen umzumünzen in Groll auf seinen Gegner, der ihn am Wohlsein hindert, allein durch seine Anwesenheit. Gleich würde man ihn auf den heutigen Gast loslassen, gleich würde das gelbe Licht in der Kammer dunkelrot flackern, als wollte es damit nocheinmal und mit Nachdruck die zähnefletschende Wut einmahnen, die Finten, Seitenhiebe und Untergriffe, die der Kampfhund Schlag auf Schlag abzuliefern hätte. Gleich.

Die Angst lässt ihn hecheln, drückt ihm die Kehle zu, würgt ihn, sein Atem flattert hellauf und fliegt ihm davon. Diesmal muss das letzte Mal sein, was tut er hier, denkt er sich, während seine Kopfhaut im scheinwerferhitzigen Luftzug sich zusammenzieht.
Wie seine Hoden schrumpfen. Fast muss er lachen, als er es fühlt.
Die wollen sich verkrümeln in den Beckenboden wie Gespenster auf den Dachboden, wie Schnecken ins Haus. Aus die Maus. Doch er kennt das schon. Die kommen wieder, wenn die Gefahr sich verzogen hat. Beinahe muss er lachen. Ein Lachen wie Säure. Säurebad, warmes.

Da, es geht los, plötzlich und wie von selbst. Er kennt das schon. Kippschalter im Kopf. Die Muskeln des Kampfhundes spannen sich an, umspannen ihn körpernah, knapp geschnitten, sehr sexy: Das Korsett, das ihn am Taumeln hindert. Das Adrenalin schäumt auf und emulgiert zu Dopamin. Die Belohnung fliegt ihm augenblicklich ins Hirn und beinahe erleichtert stellt er fest: er funktioniert, beginnt sich und seine erbärmliche Furcht den Erfordernissen entsprechend zu verachten.

Nocheinmal geht er im Geist alle seine Töne, Hoch- und Tieflagen durch, seine Tricks und Sprünge die er auf Lager hat, noch einmal heult er im Flüsterton mit seinen inneren Wölfen. Dass bloß keiner es hört.
Geschmeidig scheinen ihm alle seine Bänder und Fasern.
Das Signal ertönt und erleuchtet zugleich, gut dressiert wie er ist, setzt er sich in Gang durch den Korridor auf das Licht zu, das ihn jetzt blendet und in dessen Zentrum er, durch das Gleißen noch unsichtbar, sein Gegenüber das es niederzumachen gilt weiss. Gleich.

Was tue ich, denkt er sich, es muss ein Ende haben, aus dem Weg mit Dir Störenfried, ich werde auch Dich noch beiseite schaffen, dieses eine Mal noch, damit ich endlich meine Ruhe habe, dann.
Applaus, Gejohle fängt ihn auf und wieder ein, trägt ihn hoch hinaus und setzt ihn ab in der Mitte des Podiums, wo ein Moderator aus dem Off ihn jetzt ankündigt mit gewaltiger Stimme. Der Kampfhund bleckt die Zähne zu einem Grinsen das sein Gesicht bald zu halbieren scheint, zwei ungleiche Hälften derselben Vissage. Er setzt sich in den dunkelfarbenen Lederstuhl, der jetzt leise quietscht, vertrautes Quietschen, nur ihm hörbar, ihm zu Ehren. Ein letzes Mal, dieses eine Mal noch, versprochen, nur dieses letzte Mal. Stoßgebet, den Spots entgegengeschleudert, dort ins Licht. Vielleicht verbirgt er sich dort droben, der jetzt dringlich angebete. Um Gnade vor seinem Publikum betet der Kampfhund, nicht um irgendeine andere. Die Verachtung lässt ihn hecheln, drückt ihm die Kehle zu, er würgt, sein Atem flattert und fliegt ihm davon. Diesmal wird das letzte Mal sein, was tut er hier, denkt er sich während sein Herz im scheinwerferhitzigen Luftzug
sich ballt.

Er setzt sich manierlich fast seinem heutigen Mitspieler gegenüber, seinem Gast, nennt dessen Namen, packt ihn am Arm, fixiert ihn so, als würde er bereits seine Zähne dem ins Weiche schlagen, lächelt ihn an und stellt seine erste strittige Frage.


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Mittwoch, 3. Mai 2006

sept ember

– und, was ist es denn nun geworden? – , fragte man ihn an diesem mittwoch zum zigsten mal über das smartcall im gen-erasure-center.
in der zentrale, hier in der landstrasser-hauptstraße, wo sie wirklich erstklassig untergebracht waren, wie er wiederholt in gedanken feststellte. allerdings waren das alle solche, die es sich leisten konnten hierher zu kommen, um sich die nachkommen planen zu lassen und schließlich eine – die optimierte – variante davon entgegen zu nehmen.

– und, was ist es denn geworden? – diese frage hatte wahrlich an brisanz gewonnen in den letzten dekaden. er betrachtete nachdenklich das junge leben in der wippe: seinen spross. teilzeitspross.
selbst nicht mehr ganz jung, fünfundsechzig geworden im letzten monat, gehörte er zur dritten generation seit der freigabe. man feierte den freigabetag seit nunmehr zwanzig jahren jeweils am dritten januar. seit sich dieser tag zum ersten mal festlich gejährt hatte, war in der tat einiges in bewegung geraten.

seine ur-urgroßeltern waren die eigentlichen pioniere auf dem gebiet der generierung von geschlechtern gewesen. nicht nur im übertragenen sinne. zwei von ihnen hatten nachweislich als biologen in der genforschung und -entwicklung gearbeitet. mittlerweile ein allerweltsjob, war das damals ein hoch angesehener, wenn auch nicht unumstrittener beruf.

zu der zeit hatte man damit begonnen, sich die babys auf dem „reißbrett“ (schon damals nur mehr redewendung) entwerfen zu lassen. nach der entschlüsselung des menschlichen genoms, was kränkenderweise allzu einfach und schneller als erwartet vonstatten gegangen war, nach der ausmerzung aller bekannten erbkrankheiten, ein wenig moralischem geplänkel und ein paar scheingefechten zu ethischen fragen, oder welche pseudohumanistischen attitüden sonst noch damals gerade beliebt waren, konnten alsbald farbgebung nach dem pantone-human-code, statur und geschlecht des sprösslings und erben pränatal festgelegt werden. geschlecht, das bedeutete zu der zeit: männlich oder weiblich. und punktum. damals wurden gewiss mehr „männliche“ erzeugt. vorerst wenigstens.

er schmunzelte leise, während diese gedanken durch seinen kopf zogen. wie einfach musste die welt gewesen sein, damals. oder genauer gesagt: zweifach, dual, dualistisch. yin und yang und all der kram. amüsant fand er das. und irgendwie auf eine nachsichtige art heimelig. so, wie man sich mit mildem lächeln gern an die schrullen seiner oma erinnert.

wenig später, gerade anderthalb generationen nach den pionieren, konnte, wer bereit war ein bisschen was aufzuzahlen, den erblich bedingten teil des intelligenzquotienten seines künftigen kindes pränatal festlegen lassen. jeder iq-punkt kostete eine nicht unwesentliche kleinigkeit extra, progressiv ansteigend natürlich. als in dieser ersten generation nach zulassung des freien iq-verkaufs eine ganze bande genialer übermenschen mit starker tendenz zum nihilismus die welt beinahe in die finale katastrophe geführt hatte, wurde diese von der who von vornherein heftig kritisierte bestimmung teilweise zurückgenommen. eine neue elite von privilegierten mit nach wie vor freiem zugang zu käuflicher intelligenz, die sich gebildet hatte, sorgte seither trotz der auch positiven messbaren nebeneffekte für anhaltenden unmut und seismisches grollen in der gesellschaft.

richtig spannend wurde es aber erst, als man nach jenem fehlgeschlagenen versuch mit der menschlichen gescheitheit,
diesem kreischenden vorbeischrammen am overkill,
vor nunmehr drei generationen dazu überging, die geschlechtergrenzen aufzubrechen. man bezeichnete dies, wie so vieles unter dem eindruck nachwirkender schockwellen, als friedensprojekt.

erst kreierten die biologen ein drittes, bald darauf, und nicht weil es nötig, sondern schlicht weil es machbar war, ein viertes geschlecht.
das tri und das quart.

vorausschauende firmen beließen es nicht beim entwurf, sondern brachten das angebot rasch auf den nachkommensmarkt. entsprechend exzentrische elternpaare oder -gruppen griffen dankbar zu, orderten und adoptierten wie wild. zu beginn galt es als durchaus ungewöhnlich, kinder des dritten oder vierten geschlechts zu haben.

seitdem hatte sich das ganze ein wenig verselbständigt.
mittlerweile gab es acht fortpflanzungsfähige geschlechter und immer wieder etliche unfruchtbare, die man salopp als neutros bezeichnete.
erster unmut aus dem volk wurde laut, rufe nach strikter geschlechtertrennung und schrittweiser reduktion. zurückführung zum ursprünglichen und so weiter. natürlich reiner kokolores. jeder halbwegs gebildete biologe wusste, dass sich die einmal geöffneten schleusen nicht mehr schließen lassen würden.

– da kennt sich ja keiner mehr aus! – titelte das meistgelesene boulevardblatt des landes, das immer noch stolz darauf war, den leuten aufs maul zu schauen. den einfachen leuten: dem kleinen mann und der kleinen frau von der straße. es waren die männer und frauen aus den schwellenschichten, jene, die sich aus finanziellen gründen noch auf herkömmlichem wege und nach wie vor nur zu männern und frauen fortpflanzen konnten und mussten, die sich am lautesten beklagten.
ein anflug von sorge huschte über sein gesicht.

–ja, ein sept, ein sept ist es geworden.–,
antwortete er zerstreut in den raum hinein und hob dabei seinen kopf hin zum großen lautsensor in der mitte des plafonds, obgleich er wusste, dass dies eine anachronistische geste war. er hatte sich nie an die akustikfühler überall in den räumen gewöhnen können. sogar, wenn er in seinen schal gemurmelt hätte, wäre er dem gesprächspartner verständlich geblieben.
–zumindest nehmen das die biologen an.–, sprach er weiter.
–zu 95%. es werden noch ein paar kleine tests gemacht,
dann wissen wir es genau. –
–gut, gut.–, gab sich die stimme aus dem smartcall erfreut.
–das bedeutet, es kann später, wenn es möchte, ohne großen aufwand ebenfalls nachwuchs haben, nicht wahr?–
–hm. wir wollten dem kind möglichst freie wahl lassen, weißt du? deswegen haben wir ein sept bestellt. falls es einmal selber kinder gebären will, dann kann es das, wenn es sich mit einem sext zusammentut. und wenn es nur am zeugungsakt teilhaben will, geht das mit einem okt, oder es verbindet sich mit einem anderen sept. dabei sollen aber immer häufiger neutros entstehen. man wird sehen.–
–und wenn es wider erwarten doch etwas ganz anderes will, kann es immer noch das gen-erasure-center beauftragen.–, antwortete die stimme aus dem smartcall, und leise ironie tropfte dabei zwischen die zeilen. doch die bemerkte der vater in seinem elternstolz nicht, oder er überging sie. er betrachtete weiter das kleine wesen, das nun aufgewacht war und mit seinem angeborenen lächeln und aus tellergroßen augen in das licht der zukunft strahlte.

bereits mit zwölf jahren würde das sept ihn und die anderen beiden, seine drei teilzeiteltern, überflügelt haben an anmut, geist und intelligenz, das wusste er.
das war es, was sie sich für ihr kind gewünscht hatten.
es war das perfekte wunschsept.
sie würden es ember nennen.

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Mittwoch, 1. März 2006

Fetisch

Gretas Finger sehen wie groteske rote Würstchen aus, als sie endlich oben am Scheitel der Mauer zu sitzen kommt, wohin Kogler sie unter Aufbietung scheinbar all seiner Kräfte, jedenfalls aber mit viel Geächze, die längste Zeit hinaufzuschubsen versucht hat. Sie, die ohnehin kaum etwas wiegt.
Seit Tagen und Nächten verharren die Temperaturen erbarmungslos festgefroren weit unter Null, die Schneeschicht auf der Mauer misst vierzig Zentimeter und fühlt sich an wie Glaspapier. Greta hockt dort oben gleich einem Totenvogel, in ihrem zugigen viel zu weiten Mantel aus Jeansstoff und wartet darauf, dass der Lulatsch endlich nachkommt.

Aus Langeweile errechnet sie derweil die Höhe der Mauer: Kogler, circa einmeterfünfundneunzig. Plus mindestens noch ein halber Meter getürmte Steinquader. Plus die vor Tagen schockgefrostete Schneehaube. Macht in Summe? Eigentlich müsste sie jetzt Höhenangst anfliegen. Doch es ist dunkel, der Asphalt unter ihr wird von der Nachtfinsternis gnädig vernebelt und ausserdem hat sie ein Motiv für das, was sie hier treibt.

Irgendwann ist der Einstieg in den so abweisend umfriedeten Hof des Knabenwohnheimes geschafft. Wenn einer der Wachhabenden dort drinnen Lust hätte darauf zu achten, würden die Rauchzeichen ihres Atems die beiden Eindringlinge schnell verraten. Doch alles bleibt ruhig. Still und starr.

Der mit Gefrierbrand überzogene Hof bringt ein schmächtiges Glänzen zu Stande im Licht von Laternen, die nah am Gebäude lehnen und ihre Aufgabe nicht ernst nehmen. Am Haupteingang, das beinahe höhnisch weitoffene Tor, ist das einzige hell beleuchtete in dem gesamten Ensemble. Dort gibt’s eine Kamera, hatte Kogler ihr erzählt, deswegen müssten sie über die Mauer.

Greta und Kogler ducken sich im Schatten von Büschen oder sonstwelchem Gewächs - nicht weiter erkennbar bei dem vielen Schnee. Gewiss tut der Lange sich schwer in dieser gebückten Haltung zu laufen. Es scheint ihm tatsächlich viel daran zu liegen, sie hier einzuschmuggeln. Kein Wunder, denkt Greta sarkastisch, während sie hinter ihm herhastet.
Ihre Beine verfangen sich nicht so schnell in tatsächlichen oder eingebildeteten Hindernissen, wie jene Koglers, deswegen ist es für sie leicht, Schritt zu halten.

Einmal zusammen duschen in der großen Gemeinschaftsdusche.
Dort wo diese Pickelgesichter tagtäglich, im heissen Sprühregen unter Dampf gesetzt, ihren pubertären Träumen nachsinnen, um die Wette wichsen oder weiss der Himmel was sonst für kindische Schweinereien treiben. Dort will Kogler also in dieser Nacht mit ihr gemeinsam duschen. Wenn’s weiter nichts ist, denkt Greta. Kogler weiss zum Glück nicht, wieviel mehr sie zu tun bereit wäre.

Beim Gebäude angekommen, warten sie eine Weile, das Schnaufen unterdrückend, hinter einem übergewichtigen Pfeiler. Dann, auf ein Zeichen vom Kogler hin, queren sie in schnellem Lauf den Säulengang, passieren eine schmale Schwingtür und schlüpfen in die Nische unter der Treppe die nach unten in die Küche, nach oben zu den Schlafräumen führt. Drunten wird gelärmt, mit Töpfen gescheppert. Blechkonzert. Ein lauwarmer mütterlicher Duft zieht herauf, ein Geruch der Brechreiz auslösen will bei ihr. Sie schluckt ihn weg.

In dem Winkel unter der Stiege lässt Kogler sie eine Zeit lang alleine, während er sich beim diensthabenden Erzieher zurückmeldet. Ausgrechnet der Dobermann, wie ihn alle hier nennen, einer, der Missetäter schon an deren Geruch zu erkennen scheint. Aber nicht heute. Kogler bleibt unentdeckt, trotzdem er grundlos herumstottert. Dobermann, der unleugbar fast jedem beinahe allen Unsinn zutraut, dürfte Kogler für harmlos halten, stellt keine Fragen.
Kogler sprintet weiter nach oben um das Zimmer zu inspizieren das er sich normalerweise mit Kutten-Charly teilt und wirft anschließend einen Blick in den Duschraum. Alles leer. Es ist Sonntagabend. Die meisten der Bewohner faulenzen noch daheim bei ihren Familien, werden erst spätnachts eintreffen.

Auch als Kogler die Treppe diesmal herunterkommt wirft der Dobermann nur einen schlierig gelangweilten Blick auf den Langen und wachelt ihn vorbei, als wäre er eine lästige Fliege. „Ähm..was vergessen.“ „Ja, ja. Schon gut.“ Gähn.
Nun gilt es aber auch mit Greta im Schlepptau an dem Wachhund vorbeizukommen, der, wenn, dann stets bis spätnachts hinter seinem gläsernem Verschlag im Halbstock sitzt und dort Papierkram erledigt. Aus den Augenwinkeln beobachtet er dabei das Treiben auf der Treppe, entgeht ihm weder Kommen noch Gehen. Jeder der Halbstarken muss an ihm vorüber. Keiner, der nicht soll, kommt durch. Ausser man ist wie Greta. Schmal genug für den Speisenaufzug.

Guter Plan. Greta lacht und beinahe empfindet sie dabei Sympathie für diesen merkwürdigen Langen, der sich soviel Mühe gibt, nur um sie einmal nackt, mit nasser Haut zu sehen.

Der Geruch nach gekochter Milch in der weiss getünchten Kiste, die jetzt aus der Küche hochgefahren kommt, ist kaum auszuhalten. Trotzdem zwängt sie sich hinein in die klaustrophobische Enge des Aufzugs, der gleich neben dem Treppenabsatz Halt macht.
Ab geht es nach oben, ruckelnd und stotternd, von Stockwerk zu Stockwerk, viel zu langsam. Kogler rennt mit, die Treppen hoch, wieder vorbei am Dobermann, notdürftig darauf achtend, dass keiner sich an dem Lift zu schaffen macht während Greta, einem Stück schlecht gefaltetem Origami nicht unähnlich, darinnen kauert. In der vierten Etage nimmt er sie grinsend in Empfang.

Danach läuft alles wie im Drehbruch. Beinahe jedenfalls. Greta spielt ihre Rolle stets mit kühlem Kopf. Kaum beachtet sie den madig weissen, von orange-braunen Sommersprossen gesprenkelten Körper Koglers. Ob er hinter einem Güllewagen hergelaufen sei, fragen seine Mitbewohner ihn häufig, wenn er, Nacktheit nicht vermeiden könnend, in die Dusche kommt. Seine Statur, wie ein Witz auf Giacomettis Figuren. Ein wandelnder Zerrspiegel.

Greta beachtet nicht weiter was Kogler neben ihr treibt, befiehlt sich stattdessen das heisse Wasser, das aus allen Brausen rauscht und ihre durchgefrorene Haut wärmt, zu genießen, verbietet sich Gedanken an einen schnüffelnden, womöglich stierenden Dobermann und selbst als eine Gruppe Vierzehnjähriger in den Duschraum will und verschreckt wieder abzieht, lacht sie bloß laut, so laut, so wild und vulgär wie möglich. Sie sollen sich fürchten, die Buben, aber nicht so sehr, dass sie zu dem Wachhund hinrennen. Gerade soviel, dass sie am Türspalt stehen bleiben. Unter Kontrolle.

Nach fünfzehn Minuten ist die Show vorüber. Kogler ist vielleicht einer abgegeangen, oder auch nicht. Egal. Sie gehen in sein Zimmer, wo sie die Nacht über bei ihm schlafen wird. In Kutten-Charlys Bett, der sich am folgenden Abend über zurückgelassene Haare auf seinem Kissen wundern oder auch beklagen wird.

Nichts weiter wird passieren zwischen Kogler und ihr.
So ist der Deal, auch wenn Kogler den und ihr Motiv, überhaupt hier zu sein, nicht kennt. Man fragt nicht lange weshalb und weswegen ein Mädchen bereit ist hierher mitzukommen, wenn man so einer ist wie er. Man nimmt es als Anflug des Glücks, das sich auf einen kurzen Irrweg begeben hat.

Dort auf dem Bücherbord über Kutten-Charlys Bett liegt das, was Greta will. Was sie seit langem sucht und begehrt; was sie besitzen, ihr Eigen nennen, nach Belieben betasten, streicheln und vielleicht sogar lesen will. Das sie durchblättern will, rasch, langsam, immer wieder und dabei ihre Nase nahe an die gebündelten Blätter bringen, sodass sie im entstehenden Luftzug den Duft von Leim vermählt mit Papier riechen kann. Sie muss dieses Buch haben.

Irgendwann nachts, im Dunkeln wird sie aufstehen und sich diesen prachtvollen Band, den sie vor einiger Zeit im Unterricht, in Koglers Tasche liegen sah, greifen und in ihrem Rucksack versenken. In ihrem Beuterucksack, den sie meist unter dem Mantel trägt, nicht darüber, um sich eine eigenwillige Gestalt zu verleihen.


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Dienstag, 31. Januar 2006

Carlas Vermächtnis

Was sollte er mit einem Sofa, fragte Bernhard sich missmutig. Noch dazu mit diesem.
Ein Monstrum in gruseligem Grün. Für das man eine eigene Wohnung anmieten müsste,so hemmungslos raumgreifend wie es war. Er hatte das Ungetüm noch nie leiden können, das hatte Carla wohl deutlich genug mitgekriegt.
Carla. Erst ihr überraschender Abgang und nun kam sie ihm noch postum mit diesem Möbel, vermachte es ihm, mir nichts, dir nichts.

Seit sie sich vor gut einem Jahr getrennt hatten, war er in einem Aufwaschen mit ihr auch ihren bescheuerten Geschmack losgeworden. Hatte sich und seine Wohnung neu eingerichtet. Nun klebte dieses Ding erneut an seinem Arsch.
Es war klar, sie hatte ihm eins auswischen wollen.

Um den Scheinfrieden und das Gesicht zu waren, hatte er es übernommen. Gleich, nachdem die Gesellschaft zum Zwecke der Testamentseröffnung (eine Farce, in seinen Augen) als aufgelöst galt, war er, die höhnischen Blicke ihrer Verwandtschaft im Rückspiegel einfangend, losgefahren zu Carlas Wohnung um von dort aus einen Möbelwagen zu bestellen und das Sofa, das aussah wie ein bösartiges Geschwür mit pelzigem Belag, verladen und zu sich nach Hause bringen zu lassen. Wer dabei wohl mehr verladen wurde, fragte er sich, bitterlich grinsend.

Das Leben ist ein langer ruhiger Fluss. Den, der sich diesen Unsinn hatte einfallen lassen, wollte er gerne kennen lernen. Wenn man ihn fragte, war sein Leben ein langer zäher Kaugummi und irgendwer kaute darauf herum, und zwar nicht er selbst, soviel war sicher. Kaute darauf herum, speichelte ihn ein, schob ihn mit schwerer Zunge hin und her und fabrizierte Blasen, die derjenige, der Kauer, manchmal sogar mit unauffälligem Plopp platzen ließ. Und wenn der Kaugummi ausgelutscht genug war, spuckte man ihn ins Eck. So sah Bernhard das.
Das einzige von Wert in ihrem Nachlass, die Aktien, hatte Carla ihrer Schwester und deren windigem Mann vermacht. Mit den Worten: „Nicht, dass ihr damit sonderlich gut haushalten können werdet, denn wer so alt und so glücklich geworden ist ohne Geld, der wird den Umgang damit zeitlebens nicht mehr lernen, dennoch dürfte es euch beiden nicht schaden, ein bisschen was davon zu besitzen.“ Was dachte Carla sich? Tote dürfen alles? Und wie lautete die Gebrauchsanweisung, die sie dem ihm zugedachten Erbstück fürsorglich beigepackt hatte?: „So, wie ich Dich kenne, wirst Du noch viel Freude daran haben.“
Besonders gut schien sie ihn nicht zu kennen.

Während der Notar Carlas Worte viel zu langsam vorlas, triefte der Spott aus dem Sammelbecken ihrer Familie und gerann zu ätzender Kruste in Bernhards Befindlichkeit. Die würde er sich nachher gründlich herunterspülen müssen. Verlogene Bande. Sterbensfroh war jeder Einzelne, nicht selbst als Erbe dieses vulgären aber teuren Stücks eingesetzt worden zu sein.

Gemeinsam schleiften der Fahrer des Möbelwagens und er das Ding in Bernhards Appartement, wuchteten es mitten ins Wohnzimmer.
Der nagelneuen, vornehm blassen Couch von B&B gegenüber, zwischen Tisch und LCD-Bildschirm, stellten sie es ab. Und da stand es nun, grün und abstoßend. Anstelle eines Vorwurfs. Bernhards neue Couch beleidigend. Als aussenstehender Dritter musste man unweigerlich annehmen, die beiden Möbelstücke gäben sich ein Duell in Bockstarren. Bernhard ließ sich resigniert und sackschlapp auf sein neues B&B fallen und stierte den Eindringling nun gleichfalls an. So saßen sie denn eine ganze Weile, glotzend, zwei gegen eins, gewiss ungerecht, aber vielleicht würden sie das Ding auf diese Weise klein kriegen.

„Ich weiß genau, was du denkst.“, brummte etwas unvermittelt in Bernhards Kopf. „Ach, ja?“ Bernhard antwortete laut, ohne sich dessen bewusst zu sein. „Sicher, Mann. Du denkst: morgen verscherble ich das Ding auf dem Gebrauchtmöbelmarkt und hole dafür noch soviel wie möglich raus. Und sollte es wider Erwarten keinen Spinner geben, der es haben will, lass ich den Sperrmüllwagen auffahren. Stimmt's? Das denkst du doch!“
„Na, und wenn schon!“, hörte Bernhard sich blaffen und stutzte zugleich, fühlte sich nun doch unangenehm ertappt bei einer Angewohnheit, die eigentlich nur die verkrachten, die einsamen Existenzen an sich hatten: Selbstgespräche!
Soweit war es also. War es so weit?
Gleich morgen, nahm er sich vor, würde er seinen Hausarzt anrufen, ihn auf eine längst fällige Partie Golf einladen, einen Termin in dessen Praxis vereinbaren, vielleicht.
Es konnte nur an der Anspannung der vorangegangenen Wochen liegen, würde er ihm erzählen. Der Tod seiner Exfrau. Die Beisetzung und das verflixte Testament. Aber bis dahin: Whiskey. Das war es, was Bernhard und seine überstrapazierten Nerven jetzt brauchten.

Er stand auf, um sich ein Glas und die Flasche Single Malt aus der Bar zu angeln, schenkte sich auf dem Weg zurück zur Couch ordentlich ein und nahm noch im Gehen den Mund ziemlich voll. Diese Melange aus Wärme und Hitze, aus Streicheln und Reinhauen. Er verfolgte, wie sie sich ausbreitete, vom Hals über den Magen, im Durchlauf die Bronchien vorglühend, bis in die entlegenen Winkel seiner Eingeweide,
und plumpste diesmal nicht auf sein B&B sondern auf das grüne Ding, nur zum Spaß.
Das federte ein paar Mal nach, als wollte es ihn verschaukeln.
„Keine Sorge, Mann!“ tönte es von irgendwoher, „das sind keine Selbstgespräche, du bist ganz in Ordnung, wenigstens im medizinischen Sinne.“
„Was...!“ Bernhard wurde sichtlich nervös. Höchste Zeit dafür. „Was... zum Henker!“
Er drehte misstrauisch die Flasche auf dem Tisch und das Glas in der Hand, was am Stand der Dinge aber nichts änderte. Soviel hatte er nicht getrunken, dass das vorkommen durfte: Halluzinationen. Das Wort blähte sich wie ein Leintuch (Leichentuch, Schreckgespenst) in seinem Hirn.
„Ach was, Unsinn. Halluzinationen! Selbst wenn du wolltest, wie du ohnehin nicht kannst, hättest Du keine Halluzinationen! Dafür reicht deine Fantasie nicht hin, mein Freund.“
Bernhard spürte Unwillen in sich hochkochen. Die ganze Wärme des Whiskeys schien sich im Rückwärtsgang in Marsch gesetzt zu haben, schnurstracks Richtung Schädeldecke.
Was erlaubte sich dieser Wicht, dieser, wer eigentlich?
„Und drück gefälligst Deinen Arsch nicht so platt auf mir.
Ich bin wahrlich besseres gewöhnt!“
Bernhard starrte kurz und schmerzvoll auf das dreieckige Stück grünen Stoffs zwischen seinen Oberschenkeln bevor er aufsprang und sich den Hosenboden wischte, als wäre er die längste Zeit in einem Ameisenhaufen gesessen.
„Obwohl, der nackte Hintern von diesem Koch...“ , tönte es weiter, „der war auch immer wieder ein starkes Stück. Jedes Mal wenn Carla kurz hinaus ist, ich meine, du weißt schon, Frauen, die rennen doch immer gleich ins Bad und so, dann hat der Koch gefurzt. Was sag ich, gefurzt, so richtig fett einen Koffer abgestellt hat der.“ Die darauf folgende effektvolle Pause ließ Bernhard Zeit für eine kurze Schreckstarre. „Und das Gewicht dieses Kochs mit der drallen Carla obendrauf, ich sag’s dir, das war auch nicht ohne. Da krachten die Scharniere! Mein lieber Sch... “
„Welcher Koch?“, entfuhr es Bernhard und er fasste sich dabei an seinen sich schüttelnden Kopf, der wohl ahnte, dass er sich soeben einen nicht kalkulierten Streich spielte, mit ihm selbst in einer Hauptrolle, von der er noch nicht genau wusste, was die darstellen sollte.
„W-welcher Koch? Der N-nachbar? Der von G-gegenüber, damals, als Carla und ich noch..?“
„G-genau d-derjenige, mein Freund. Kennst Du einen anderen, der mich Prachtstück erschüttern könnte? Na ja, nun, als Carla und ihre Freundin Babsi, ich meine, zwei blanke Pfirsichärsche zugleich auf meiner sensiblen Federung, das war schon auch erschütternd, irgendwie. Nur eben anders, wenn du verstehst was ich..“ Der Wortfluss erstarb, als Bernhard mit nach vorn gereckten Armen als wäre er in einen jämmerlichen Zielsprint der Hobbymarathonläufer geraten, in die Küche floh. Wir werden ja sehen, dachte er bei sich, obgleich er keineswegs bei sich zu sein schien, wir werden ja sehen, und schob sich auf den Hocker der obligatorischen Singlehaushaltsküchentheke. Regungslose Stille. Bis auf das großspurige Zittern des Whiskeyglases in seiner Hand.
Delirium Tremens. Das Wort irrlichterte neongrell durch Bernhards Gedanken, als wollte es ein „Don't drink and drive a green sofa - Spot“ im Kino sein.
Weshalb aber war es so leise, wohin war der kleine Mann im Ohr verschwunden?
War der etwa sitzen geblieben, drüben im Wohnzimmer? Unmöglich. Der saß doch in Bernhards Gehörgang oder den Ganglien oder weiß der Geier.
Oder spielte man ihm überhaupt einen Streich ganz anderer Art?
Bernhard glaubte zu begreifen, griff sich eines der scharfen Dinger aus dem Messerblock und machte sich auf die Socken, zurück ins Wohnzimmer. In einer Hand das Küchenwerkzeug, in der anderen das Glas, begann er das weitläufige Wohnzimmer zu durchforsten, schob in wackerer Manier die Vorhänge mit der Breitseite der Messerklinge beiseite um nicht gänzlich das Gesicht zu verlieren, sollte da doch einer seiner Freunde zu Scherzen aufgelegt sein, stöberte hinter Stellagen, stocherte in Schubladen, horchte an den Miniaturboxen der Hifi-Anlage.
„Hey, Kumpel, da bist ja wieder, dachte schon, ich müsste mich mit der Wand oder mir selbst unterhalten. Das blasse schlanke Ding da gegenüber ist wohl nicht so auf Konversation aus, hm? Aber elegant. Was für eine Granate. Hui.....! Apropos Granaten, also ihr beiden, ich meine, du und Carla, das muss mal gesagt werden, ihr seid ja immer da gesessen, wie die lebenden Toten. Echt! Genau wie die. Wirklich! Kein Wunder, ich meine, keine Frage, dass Carla es sich woanders geholt, ähm, besorgt....“
Bernhard begann auf das Sofa einzuhacken.
Seine Kraft packte ihn erst an dem Armen dann an den Haarwurzeln
und beutelte ihn in Rage. Mit zunehmender Wildheit, den Whiskey quadratmeterweise verschüttend, ließ er die Wut explodieren wie ein Feuerwerk und stach und fetzte und ratschte und riss, mittlerweile in die Knie gegangen, das Glas längst auf dem Teppich, den Schaft des Messers längst beidhändig gepackt, an dem verhassten grünen, wolligen, fasrigen Ding. Bis die Füllung begann herauszuquellen, gelblichen subkutanen Fetten oder Innereinen gleich. Er stach zu und stach wieder zu und vermeinte dabei ein wundes Ächzen zu hören.
Stirb, verdammt, verrecke, dachte er, während er sein Werk verrichtete. Er hörte erst auf, abrupt, als er sich des Zweihunderters, dekorativ auf das Messer gespießt, bewusst wurde. Es war überall. Das Geld. Schein um Schein quoll es aus dem Sofa.
Massen an Blutblättchen.
Als man ihn am nächsten Tag in der Bank nach dem Grund
seines Ausscheidens, nach dem Grund der Kündigung fragte, sagte er:
„ Ich habe ein grünes Sofa ermordet.“ Man ließ ihn klaglos gehen.


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Samstag, 12. November 2005

Wurst

Barbara holte Rind- und Schweinefleischstücke zu gleichen Teilen aus dem Kühlraum, die dort in Nirostabehältern, neben den, dem Verfallsdatum schon bedenklich nahen Frankfurtern lagerten. Die würde sie morgen wieder abwaschen müssen unter kaltem Fließwasser. Der Geruch und eine merkwürdig schleimige Schicht, die sich rasch bildete auf den Häuten dieser Würste waren verräterisch. Verräterischer als bei anderen Wurstwaren. Dem musste man vorbeugen.
Sie griff tief hinein in das feste Fleisch mit bloßen Händen und drückte es, als wollte sie einen Lappen auswringen.
Das Fleisch: in faustgroße Stücke zerteilt, rosig, kalt, tot und doch noch den Geruch des Lebens in sich tragend. Blut. Fett. Wasser.
Sie mochte dieses Gefühl, das Fleisch mit aller Kraft zu quetschen, gewiss weit über die bloße Schmerzhaftigkeit hinaus, wäre es noch Teil eines lebenden Tieres gewesen.
Sie nahm zwei handvoll der feuchtglänzenden Stücke, warf sie auf das Fettpapier und ging, die dienstfertige Miene wieder über ihr Gesicht gestülpt, zurück in den Laden hinter die Theke, wo Fuchur sich jetzt mit Z., besänftigt, geradezu gurrend unterhielt. Bemerkenswert, wie schnell der Drache sich beruhigen hatte lassen.

Mit dem Rücken zu den beiden machte Barbara sich am Fleischwolf zu schaffen. Beugte sich darüber, drehte am Stellrad, drückte die ersten Brocken in das offene Wolfsmaul und ließ zugleich einen langen Faden Speichel in das Fleisch laufen, den sie zuvor im Kühlraum, im Mund sich hatte ansammeln lassen . Der aufheulende Motor übertönte das leise spuckende Geräusch das sie dabei machte.


Da, vor der Theke hatte diese Frau sich vorhin aufgebaut, in ihrem Mantel, in dem sie aussah, wie der Glücksdrache. Zumindest vom Schildkrötenhals an abwärts. Ausufernder blassrosa Faserpelz. Darüber ein Gesicht, das den Eindruck erweckte, als würde seine Inhaberin nie etwas anderes tun als abrechnen.
An ihrem Arm hing das Kind – wie an der Leine - ihre federhaarige Tochter, etwa neun Jahre alt, die mit offenem Mund kaute. So, wie die dabei dreinschaute, man konnte sich nicht helfen, wusste man, dass sie bereits von derselben missgünstigen Bösartigkeit ihrer Mutter war. Erledigt. Zug abgefahren.

Die Faserpelz-Mutter hatte dem Mädchen die Wurstsemmel, an der es immer noch genagt und dabei größer werdende Speichelblasen wie Kokons im Mundwinkel angesammelt hatte, grob aus der Hand gerissen. Ein kurzer hitziger Ausdruck war dabei über das blasse Gesicht der Kleinen gehuscht, Schreck, Verzweiflung, Ärger, irgendwas wohltuend verletzliches, bevor sich wieder der Grauschleier der Stumpfheit darüber gelegt hatte. Niederträchtige Kuhaugen.
Die Kleine hatte Barbara während der Tirade ihrer Mutter beobachtet, in der Art, wie Kinder ihres Alters das Kreiseln der Fliegen beobachteten, denen sie erst die Flügel und dann nach und nach alle Beine ausrissen.

Ansatzlos, grußlos, die an den zerfransten Rändern bereits aufgeweichte Wurstsemmel auf die Theke filzend, hatte die Frau begonnen sich zu beklagen, kaum dass sie sich in Stellung gebracht hatte.
Nicht bei Barbara. Bei Z., dem Chef. Ausgerechnet.
Na, der würde ihr nachher den Kopf waschen.
Über ein Stück Wurstende, das zwischen die Semmelhälften geklemmt war, dick wie ein abgetrennter Kinderfinger, hatte der Glücksdrache geschimpft, in näselndem weinerlichen Singsang, als würde er über Kopfschmerz jammern und darüber, wie hart das Leben sei. Wer das beissen solle, lamentierte die Frau, ihre Tochter sei schließlich kein Hundsvieh, zum speiben sei das. Und sie schimpfte auf Barbara, die die Semmel am Morgen zubereitet hatte, als das Kind auf dem Weg zur Schule noch geschwind sein Jausenbrot holen musste. Konnte man Kinder nicht mehr alleine zum Metzger schicken, ohne dass man betrogen wurde, nach Strich und Faden? Wirklich zum speiben sei das.
Barbara hatte ihrer Wirbelsäule die Reserve-Zentimeter abverlangt.
Das tat sie immer, wenn ihr jemand so kam. Machte sich stolz und lang, wie eine Balletttänzerin.

Z. also. Der Chef und neueste Lover ihrer Mutter. Er war gerade erst bei ihnen eingezogen. Deswegen hatte Barbara auch den Job bekommen, arbeitete an ihren freien Tagen in seinem kleinen Laden und konnte sich auf die Art gut was dazu verdienen, wovon die Steuereintreiber nichts zu wissen brauchten. Sie verachtete ihn herzlich, diesen grobschlächtigen Fleischhacker, Brauen, wie Schuhbürsten, Augen, wie Knoten in dem zirrhotischen Lederjackengesicht.
Er soff. Er betrog. Er hatte Schweissfüße. Und seine stets eigenhändig wasserstoffblondierte, kartoffelkäferartige Nochehefrau lebte nur zwei Häuser weiter und machte ihrer Mutter die Hölle heiß.
Ihre Mutter. Die hatte einen wahrhaft beschissenen Geschmack. Anders ließ es sich nicht ausdrücken. Diese kleine Frau schien auf alles abzufahren was einem Vieh näher war als einem Menschen, sie schien sich aufzurichten und festzufressen an Typen, die aussahen wie Silberrückengorillas und mit dem Charakter von potenziellen Großmuttermördern durch ihr Leben wüteten.
Z. also. Ihre Meinung von ihm war wirklich nicht die beste.

Z. hatte etwas völlig unerwartetes getan, vorhin als der blassrosa Drache sich da an der Wursttheke aufspielte. Er war für Barbara in die Bresche gesprungen. Die am Morgen, als dieses farblose Kind vor ihr gestanden hatte mit seiner Bestellung,
- Eine Semmel mit Extra um 5 Schilling - , den letzten Rest der Wurst, der normalerweise ins Katzenfutter käme, achtlos zu den übrigen 2 Deka hauchdünner Scheiben, so dünn und durchsichtig, dass sie den Namen wirklich verdienten, geschmissen hatte. Es war einer dieser graugesichtigen Wintermorgen gewesen. Aufstehen um 06:00, Piepiep Piepiep, und dann los, kurz vor sieben, mit dem Lieferwagen, der lärmte, als hätte man ein paar Kieselsteine in eine leere Blechbüchse geworfen und die geschüttelt, und in dem es immer nach etwas Rohem roch. Nicht viel mehr zu sehen durch die Windschutzscheibe, als stiebende Fetzen in dem gelben, wie gepissten Loch, das die Scheinwerfer in die Dunkelheit bohrten.

Dann: in den Laden und zusehen, dass die Heizung einigermassen in Gang kam, die Tafel beschriften mit dem Angebot des Tages: Frankfurter, na klar.
Den Kühlraum putzen, benebelt vom Geruch nach Wasserdampf, Meister Propper und Blut, der einem lauwarm in die Nase und zu Kopf stieg. Die oberste gedunsene Schicht des halbmeterdicken Hackstockes aus Holz, auf dem das Fleisch zerteilt wurde, abkratzen mit einer zähnefletschenden Drahtbürste. (Sie wollte es nicht, musste sich dabei aber immer vorstellen, wie es wäre, diese Bürste jemandem über die Haut zu ziehen.)
Auf nüchternen Magen alles, noch halb im Schlaf, halb im Schlaf.
Z. war, wie immer bevor man aufschloss, in das Baraberbeisl ums Eck gegangen, zum Frühstücken und auf ein erstes Bier. Dort saß er dann wortlos, zusammen mit den müde stierenden Schichtlern, die gerade von der Arbeit gekommen waren, während sie den Laden auf Vordermann brachte. Nicht einmal das bisschen trübe Licht, das der Tag für einen bereithalten würde, war schon angekommen bei ihr, da standen die ersten rotznasigen Schulkinder vor der Theke, trugen Schneeluft und Matsch zur Tür herein und kamen an mit ihren Kleinaufträgen.
War es ein Wunder?

Z. hatte sie verteidigt, hatte der hirnlosen Frau im Faserpelz klargemacht, dass die Wurstenden als Dreingabe zwischen die Semmelhälften kamen. Gratis und ganz umsonst. Ein kleines Extra für die treue Kundin. Natürlich gelogen. Während Barbara eine frische Semmel für das Gör an Fuchurs Arm gerichtet hatte, war Z. weiter dabei gewesen dem Drachen um den Bart zu gehen.
- Darf man sonst noch etwas anbieten auf Kosten des Hauses? Vielleicht ein halbes Kilo Faschiertes. Für Cevapcici oder Hackbraten heute Abend, wenn der Gatte heimkommt? -
Dazu sagte man natürlich nicht nein. Auch der Drache sagte dazu nicht nein. Und Barbara war mit dienstfertig gesenktem Blick im Kühlraum verschwunden um die Rinds- und Schweinsstücke zu hohlen und damit dem Fleischwolf das Maul zu stopfen.
Sie mochte diese Arbeit.

Mit einem freundlichen Blick auf das Kind, verpackte Barbara das Hackfleisch sorgfältig in zwei Lagen sauberes, strahlend weisses Papier und legte das Paket ordentlich vor den Drachen auf die Glastheke.
-So, hier bitte, für Sie.-

D U ?

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F I N D E N

 

P O S T

das glaub ich jetzt nicht;)
das glaub ich jetzt nicht;)
walhalladada - 12. Feb, 19:05
Wenn Sie wieder da sind,...
Wenn Sie wieder da sind, abonniere ich Sie wieder,...
walhalladada - 20. Jan, 17:40
Schweigen ist auch keine...
Schweigen ist auch keine Lösung! Maaah!
Tanzlehrer - 31. Aug, 22:35

B I L D E R W U T

F R E S S P A K E T



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Idylle mit ertrinkendem Hund


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